Sommerbrief 2026
von Förderverein Girassol
Sommerbrief 2026
Liebe GIRASSOL-Freunde,
es ist schon wieder ein halbes Jahr vergangen, seit wir Ihnen zuletzt von GIRASSOL berichtet haben. Mit Beginn des neuen Schuljahres 2026 erhielt unsere Einrichtung eine neue Leiterin, Dona Regina. Voll Tatendrang, Kompetenz und freundlicher Zugewandtheit lenkt sie nun deren Alltag in enger Zusammenarbeit mit Kathrin Pfeffer, der Leiterin unseres lokalen Trägervereins SBA.
Wie in jedem Jahr begann das erste Halbjahr für unsere Kita-Kinder mit der Eingewöhnung der neuen Dreijährigen. Danach wurde Karneval gefeiert – bunt, fröhlich und mit viel Begeisterung. Auch die Osterfeier durfte natürlich nicht fehlen: Gespendete Schokoladeneier wurden versteckt und von den Kindern begeistert gesucht und gefunden.
Die große Bedürftigkeit vieler Familien zeigt sich auch an der weiterhin sehr hohen Nachfrage nach Kita-Plätzen. Deshalb haben wir uns entschlossen, eine vierte Gruppe einzurichten. Damit ermöglichen wir weiteren 15 Kindern ganztägige Betreuung, Förderung, regelmäßige Mahlzeiten und die Chance, nicht auf der Straße aufzuwachsen. Für viele Mütter (oder die alternativen Bezugspersonen der Kleinen) ist ein solcher Platz zugleich die Voraussetzung, um arbeiten zu gehen und den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, bzw. dazu beitragen zu können.
Am 7. Mai fand in Zusammenarbeit mit dem SUS, der brasilianischen Gesundheitsbehörde, in unseren Räumlichkeiten eine Impfaktion vor dem kommenden Winter statt. Das Angebot richtete sich an Kinder, Jugendliche, Mitarbeitende und die Familien aller. Für die Kita-Kinder gab es außerdem einen gesponserten Ausflug in einen Vergnügungspark – für alle ein ganz besonderes Erlebnis.
Während es bei den Jüngsten um Schutz, Betreuung und Förderung geht, stehen bei den Jugendlichen in GIRASSOL PRO Orientierung, Ausbildung und der Weg ins Berufsleben im Mittelpunkt. Die PRO -Auszubildenden besuchten unter anderem eine Industriemesse und Unternehmen, um Einblicke in die Arbeitswelt zu bekommen und zu sehen, welche Möglichkeiten sich ihnen mit einer guten Ausbildung eröffnen.
Die gesamte Einrichtung nahm teil an der Kampagne maio laranja = orangefarbener Mai. Im August 2022 offiziell von den brasilianischen Behörden ins Leben gerufen, beruht sie auf einer Bewegung, die seit dem Jahr 2000 im ganzen Land Gestalt annahm, als empörte Reaktion auf den Umgang von Justiz und Gesellschaft mit der unerhört hohen Zahl sexueller Missbrauchsverbrechen an Kindern und Jugendlichen. Der zutiefst erschütternde caso Araceli (Fall Araceli) vom 18. Mai 1973, der erst 1991 juristisch mit Freispruch für alle Angeklagten abgeschlossen wurde, liegt dieser Kampagne zugrunde. Alle Bildungseinrichtungen sind aufgerufen, im Monat Mai das Thema physische, psychische und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu behandeln, darüber zu sprechen (auch in Seminaren für Angehörige der Schüler), dafür überhaupt zu sensibilisieren und über Maßnahmen zur Abhilfe zu informieren. Die Farbe Orange wurde ausgewählt einerseits wegen ihrer Alarmwirkung, andererseits wegen ihrer Zuversicht spendenden Wärme, in der alle Kinder aufwachsen sollten . . .
Und damit sind wir bei unserer Mission: GIRASSOL hat bis heute über 10.000 Kindern und Jugendlichen einen Weg in eine würdigere Zukunft geebnet und ihnen und ihren Familien aus der Perspektivlosigkeit geholfen. Unser Instrument dafür ist und bleibt Bildung – vermittelt durch Lehrkräfte, die die Kinder und Auszubildenden täglich zugewandt, konsequent, freundlich, verständnisvoll und fordernd begleiten. Dazu kommt die Unterstützung durch unseren PSD, den psycho-sozialen Dienst, der sich bei Bedarf auch um die Familien unserer Schützlinge kümmert. Denn Gewalttätigkeit, Missbrauch, Vernachlässigung und Ignoranz sind in dem Umfeld, aus dem unsere Kinder und Jugendlichen kommen, leider nichts Ungewöhnliches. Von den Betroffenen werden diese Verhaltensmuster häufig als normal, unabwendbar und somit als zu erdulden wahrgenommen. In solchen Verhältnissen aufzuwachsen bedeutet, dass viele Jugendliche an teilweise schweren Depressionen leiden, kaum tragfähige Zukunftsperspektiven entwickeln können und Gewalt, Lieblosigkeit und Respektlosigkeit oft von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Gerade deshalb verstehen wir Bildung bei GIRASSOL nicht nur als schulisches Lernen oder berufliche Qualifizierung. Bildung heißt für uns auch, über Rechte und Grenzen sprechen zu können, den eigenen Körper zu verstehen, Fragen stellen zu dürfen und Hilfe zu bekommen, bevor aus Unsicherheit, Scham oder falschen Vorstellungen Probleme entstehen, die ein junges Leben dauerhaft belasten.
Aus diesem Grund hat Arlete, unsere Diplomkrankenschwester, in GIRASSOL Pro eine Art Biologieunterricht übernommen. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem Sexualkunde – ein Thema, das an den öffentlichen Schulen praktisch nicht zur Sprache kommt und über das in den Familien nicht offen gesprochen wird. Mit ihrer ruhigen, klaren Art, mit Anschauungsmaterial wie Kunststoffmodellen der Anatomie und allen gängigen Verhütungsmitteln, sowie mit ihrer sachlichen und kompetenten Sprache, gelingt es Arlete, die anfängliche kichernde Verlegenheit der Jugendlichen aufzulösen. Die Unterrichtseinheiten werden so lange angeboten, bis keine Fragen mehr offen sind. Und auch danach wissen die Jugendlichen, dass sie Arlete jederzeit aufsuchen können, wenn neue Zweifel, Probleme oder Ängste auftauchen – selbst dann, wenn sie keine GIRASSOL-Schüler mehr sind.
Trotzdem ist es schwer, gegen Einstellungen anzukommen, die seit Generationen das Denken und Handeln vieler Menschen prägen. Die „Macho-Kultur“ ist nach wie vor allgegenwärtig. Traditionelle Rollenbilder und religiös geprägte Vorbehalte gegenüber Verhütung und Familienplanung wirken in vielen Familien und Gemeinden bis heute stark nach, besonders bei denen mit wenig Bildung. Gerade junge Menschen erhalten dadurch oft keine offene, sachliche Aufklärung – und suchen sie aus Scham oder Unsicherheit auch nicht. Hinzu kommt: Wer selbst in Lieblosigkeit und Vernachlässigung aufgewachsen ist, erliegt häufig der Illusion, dass ein eigenes Kind den jungen Eltern Liebe, Zugehörigkeit und Halt „mitliefert“.
Diese Mischung aus fehlender Aufklärung, Sehnsucht nach Liebe, Übergriffigkeit von Jungen und Männern und einer Gesellschaft, die bei Problemen zu oft wegschaut, führt zu einer hohen Zahl ungewollter Schwangerschaften - häufig schon im jungen Teenageralter. In Brasilien ist ein legaler Schwangerschaftsabbruch nur in einer Situation möglich: Die Bedrohung des Lebens der Mutter durch die Schwangerschaft. Vergewaltigung, Kindesalter der Mutter, Missbildung des Embryos, Mittellosigkeit der Mutter - alles Gründe, die schon vor der Geburt schwere Schatten auf das Leben des Babys werfen und dessen Zukunft und die der Mutter aufs Düsterste belasten - zählen nicht …. Zwar geben die SUS-Ambulanzen Verhütungsmittel kostenlos ab, allerdings erst nach ärztlicher Untersuchung und Beratung. Viele Jugendliche wissen das nicht oder scheuen den für sie als peinliche empfundenen Arztbesuch.
Wir geben diesem Thema hier bewusst Raum, weil wir immer wieder darauf angesprochen werden. Es zeigt einen der wichtigen Gründe, warum die Arbeit von Arlete und unserem psycho-sozialen Dienst so wichtig ist. Sie schützt nicht vor allen Risiken, aber sie gibt den Jugendlichen Wissen, Vertrauen und eine Anlaufstelle. Für manche ist das der erste Schritt, um Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu entwickeln, um selbstbestimmter mit dem eigenen Leben umzugehen. Wir hoffen, mit diesen Ausführungen ein wenig Licht in die Komplexität dieses Stoffes gebracht zu haben.
Nun möchten wir Ihnen von Dayane erzählen. Dayane profitierte Ende 2025 vom GIRASSOL-Programm Raízes do Futuro (Wurzeln der Zukunft). Sie ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Kürzlich erhielt sie die Diagnose Fibromyalgie und hat nun immerhin eine Erklärung für ihre mehr oder weniger ständigen Schmerzen. Dass es keine heilende Behandlung gibt, weiß sie nun allerdings auch. Dass sie in „geregelten Verhältnissen“ lebt, ist in einer Gegend wie Grajaú eher die Ausnahme. Das Einkommen des Ehemannes reicht aber nicht aus, um die Ausgaben der Familie zu bestreiten, darum muss auch die junge Mutter zum Haushaltsbudget beitragen. Als sie vom Bäcker-/Konditoren-Kurs bei GIRASSOL hörte, meldete sie sich dazu an, denn die Ausbildung brachte sie der Erfüllung ihres Traumes näher, das Familieneinkommen durch eine Tätigkeit zu erweitern, bei der sie ihre Kinder nicht in fremde Obhut geben muss. Nach dem sie stolz ihr Abschlusszertifikat in den Händen hielt, baute sie ihre Aktivitäten jetzt auf professionellerer Grundlage aus. Noch während der Ausbildung hatte sie begonnen, in ihrer kleinen Küche daheim Kuchen, Gebäck und herzhaftes fingerfood herzustellen und auf der Straße, an stark frequentierten Stellen zu verkaufen. Ihre Produkte fanden so gute Abnahme, auch durch Bekanntmachung in den sozialen Medien, dass Dayane als Nächstes begann, zusätzlich auf Bestellung zu arbeiten. In der Ausbildung hatte sie sich mit einer anderen Kursteilnehmerin angefreundet, der es ähnlich ging wie ihr. Die beiden jungen Frauen kümmerten sich um ihre Kinder, produzierten erfolgreich Lebensmittel und begannen, einen unerhörten Traum zu träumen: selbstständig sein mit eigenem Café. Lange wagten sie nicht, darüber zu sprechen. Dann erfuhr Dayane von Raízes do Futuro, einem privat finanzierten Fonds, der kleine Startkapitalbeträge einmal im Jahr an 10 Kleinstunternehmensgründer vergibt, finanziert durch einen unserer Spender aus Deutschland. Bewerben dürfen sich Absolventen einer unserer Kurse. Eine weitere Voraussetzung ist die Teilnahme an einem für die Teilnehmenden kostenlosen halbjährigen „BWL-Kurs“ in GIRASSOL. Wieder nahm sie die Herausforderung der Mehrfachbelastung an und schrieb sich ein. Ende November 2025 trat sie in ihrem besten Kleid mit 15 Bewerbern vor einem 10-köpfigen Beurteilungskomitee auf und unterbreitete ihren Business-Plan anhand von einer Power-Point-Präsentation, ausgestattet mit einer Kostprobe ihres Gebäcks und so nervös, dass sie kaum sprechen konnte. Etwa 10 Minuten lang trug sie ihre Idee vor und beantwortete Fragen aus der Jury. Wenige Tage später erfuhren sie und weitere neun Ex-GIRASSOL-Auszubildende, dass jeder von ihnen BR$1500,- (ca. €250,-) aus dem Fonds erhalten würden. Weiterhin von Mitarbeitenden unserer Einrichtung unterstützt, investierte sie mit der Freundin das Geld in die Anschaffung der Ausstattung für das gemeinsame kleine Café um die Ecke von GIRASSOL. Am Wochenende des 1. Mai 2026 wurde Eröffnung gefeiert und wie wir hören, „brummt der Laden“!
Dayane und ihre Freundin mit ihren Familien haben große Hürden überwunden, um der Perspektivlosigkeit ihrer Herkunft zu entkommen. Sie haben mit Beständigkeit, Selbstvertrauen, Resilienz und der Unterstützung der Menschen in GIRASSOL, die ihnen geholfen und vertraut haben, sich und ihren Kindern eine helle, würdige Zukunft aufbauen können. Auch Sie, die Sie zu unseren Spendern, Unterstützern und Förderern gehören, sind Teil der „Menschen in GIRASSOL“ - ohne Sie und Ihre Spenden könnte die Arbeit vor Ort nicht geleistet werden! Es gilt aber, noch einen anderen Aspekt dieses Aufstiegs, dieser Entwicklung der beiden Frauen, die wir hier exemplarisch geschildert haben, zu betrachten. Die Zukunft der Kinder dieser beiden Familien steht auf einem ganz anderen Fundament, als die Zukunft ihrer Eltern oder gar Großeltern gestanden hatte. Das kleine Unternehmen der Mütter trägt dazu bei, dass sich das Lebensumfeld dieser beiden Familien und vieler anderer ein wenig verbessert. Je mehr solcher kleiner Betriebe entstehen und bestehen, umso wahrscheinlicher ist es, dass die gesamte Gegend nach und nach sich zum Besseren wandelt und seinen Bewohnern ein Leben mit weniger Gewalt, mit Arbeitsplätzen in der Nähe ihrer Wohnungen, sei alles auch noch so bescheiden, ermöglicht. Transformando vidas através da educação (Leben durch Bildung zum besseren wenden) - so unser Motto in Brasilien - ist wirklich der Schlüssel, das Schicksal der einzelnen zu verbessern und dadurch peu à peu das Leben vieler.
Der Leitgedanke zum Tun des Fördervereins lautet: „Der Weg zur Schule ist der kürzeste Weg aus der Armut“. Dieser Weg ist ein langer; wir gehen ihn nun schon seit 34 Jahren mit Ihnen, die Sie uns unterstützen. Die Transformation des Lebens der Menschen in Grajaú findet kontinuierlich statt, in teils sehr kleinen Schritten. Aber der Prozess geht stetig voran und das Erreichte wird häufig erst im Rückblick deutlich sichtbar. Dann und wann, beispielsweise, taucht jemand in GIRASSOL auf, der strahlend erzählt, dass er einst vor 12 Jahren einen Kurs bei uns besucht hat und dank der anhaltenden Betreuung durch die Institution es geschafft hat, Mittel- und Aussichtslosigkeit hinter sich zu lassen, heute Elektroingenieur mit Praktikum in Deutschland ist. Er habe Mutter und Großmutter ein richtiges Haus kaufen können, und wenn sie krank werden, können sie zu guten Ärzten gehen. Eine Besucherin aus Deutschland wurde bei ihrem Aufenthalt im Hyatt-Hotel von einer jungen Mitarbeiterin der Rezeption auf ihre GIRASSOL-Zugehörigkeit angesprochen: ihr Bruder und ihr Cousin hatten vor Jahren Kurse bei uns absolviert. Heute würden beide neben der Arbeit abends studieren und bald ihre Abschlüsse machen als Jurist und Ingenieur. Ihre Mutter und ihre Tante, das solle die junge Frau ausrichten, wären GIRASSOL auf ewig dankbar, dass die beiden Jugendlichen vom „Rumhängen auf der Straße“ wegkamen und kapiert haben, dass sie sich für eine gute Zukunft anstrengen müssten.
Bei aller sozialer Härte, allen Widrigkeiten des Lebens in einer favela, motiviert es uns immer und immer wieder, wie es gemeinsam mit Ihnen und Ihrem Vertrauen in die Arbeit von SBA GIRASSOL Kids/Pro gelingt, den Weg in eine bessere Zukunft, trotz natürlich auch hier zu verkraftender Rückschläge, im Ganzen betrachtet erfolgreich zu beschreiten. Wir danken sehr für Ihre Spenden und möchten uns auch künftig Ihres Vertrauens würdig erweisen. Bitte begleiten Sie uns und die Menschen in Grajaú auch weiterhin!
Dankbar grüßen Sie, Ihre
Andreas Krebs, Vorsitzender Dr. Thomas Schmidt, stellvertretender Vorsitzender