Weihnachtsbrief 2022

Weihnachtsbrief 2022

Liebe GIRASSOL-Freunde,

das zu Ende gehende 2022 ist aus GIRASSOL-Sicht ein ausnehmend gutes Jahr! Wir konnten nach den beiden schlimmen CORONA-Jahren wieder in „voller Besetzung“ und in persönlicher Präsenz agieren und dank der beantragten und umfänglich bewilligten finanziellen Mittel von Sternstunden e.V. und der VW-Belegschaftsstiftung wird in GIRASSOL seit Jahresbeginn moder­nisiert und renoviert. Zur Jahresmitte erzählten wir Ihnen in unserem Sommerbrief ausführlich von den verschiedenen Vorhaben und auf unserer Homepage und Facebook berichteten wir über deren Fortschritte. Und nun können wir sagen: es ist fast alles fertig!

Die in ihrer Kapazität verdoppelte Bäckereilehrwerkstatt bildet nun 80(!) junge Leute aus, von denen die überwiegende Mehrzahl schon jetzt, vor Ausbildungsende, eine Anstellung sicher haben. Diese Ausbildung ist die begehrteste: auf einen Platz bewerben sich über 40 Interessierte! Senhor Ronaldo, stellvertretender Einrichtungsleiter, Leiter des Berufsbildungszentrums und Elektrik-Ausbilder hat den ausgeklügelten Plan zur Digitalisierung von GIRASSOL entwickelt und die handwerkliche Umsetzung mit seinen Auszubildenden ausgeführt. Dadurch haben die Jugend­lichen extrem wertvolle, praxisnahe Berufserfahrung erlangt und es musste kein Geld für externe Handwerker ausgegeben werden. Die Elektrik-Ausbildung wird in Zukunft um das Modul Robotik erweitert sein und unsere Absolventen dadurch, um einen digitalen Ausbildungsbaustein be­reichert und noch bessere Anstellungsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben.

Die nach 17-jähriger Dauerbeanspruchung unabdingbar gewordene Sanierung unserer Küche und die Renovierung des Speiseraums - der noch mit Möbeln aus zweiter Hand ausgestattet war, die aus einer lange zurückliegenden Sachspende stammten - wurde von einem Bauunternehmer durchgeführt. Für diese Arbeiten war der Winterferienmonat Juli vorgesehen. Leider hat die Zeit nicht ganz gereicht; Lieferprobleme, Materialmangel, usw. führten dazu, dass Dona Vera und ihre Küchenfeen improvisieren und die ersten zwei Augustwochen lang Mahlzeiten „im Picknick-Format“ servieren mussten. Für die Kita-Knirpse war das ein großes, vergnügliches Abenteuer! Aber nun hat GIRASSOL eine neue, wunderschöne Küche, ausgestattet mit modernen, energie­effizienten Geräten und kann den nächsten 15 Jahren kochtechnisch gesehen, gelassen entge­gengehen 🙃.

Nicht nur die physische Infrastruktur ändert und verbessert sich kontinuierlich in unserer Ein­richtung. Auch die Organisation, die Aufgaben als solche und ihre Verteilung auf die Mitarbeiten­den sind stetigem Wandel und Anpassung an die sich ändernden Anforderungen unterworfen: die in GIRASSOL geleistete Arbeit wird immer umfassender und komplexer, befassen wir uns doch mit jedem einzelnen Kind, mit jedem Teenager sehr intensiv, sobald bemerkt wird, dass Schwierigkeiten beim Lernen oder Verhaltensauffälligkeiten auftreten. Und da unsere Kinder und Jugendlichen alle einem äußerst prekären Umfeld entstammen und meistens in Familienstruktu­ren leben, die durchaus als problematisch bezeichnet werden dürfen, sind sie nicht selten traumatisiert, tragen unerkannte Erkrankungen in sich, usw. Es muss ihnen und ihren Familien geholfen werden, damit eine Grundlage entsteht, auf der das Vermitteln von Bildung überhaupt erst möglich wird.

Am Beginn eines jeden Jahres, wenn die „Neuen“ Einzug halten, haben viele von ihnen persön­liche Herausforderungen und Probleme in ihrem „Gepäck“ dabei; je weiter das Jahr voranschrei­tet, desto geschmeidiger läuft‘s, dank der beeindruckenden Arbeit unseres psycho-sozialen Dienstes (PSD). Priscilla und Andressa, Psychologinnen, Carolina, Sozialarbeiterin und Arlete, unsere Krankenschwester bilden ein Team, das Hand in Hand miteinander damit beschäftigt ist, die Schwierigkeiten abzubauen, die das Lernen und die persönliche Entwicklung der Kids und Auszubildenden behindern, mitunter sogar verhindern. Um eben genau die Fülle und Komplexität dieser Aufgabe und die damit verbundene Organisations- und Koordinationsarbeit Ihnen ein wenig zu illustrieren, folgen nun die diesjährigen „Weihnachtsgeschichten aus GIRASSOL“ 🙂.

Eine sehr junge Frau namens Rafaela erhielt im Jahr 2016 in GIRASSOL ihr Abschlusszertifikat in Verwaltungswesen. Im Jahr darauf begann sie abends zu studieren und arbeitete tagsüber als Kinderbetreuerin, die Erzieherinnen unterstützend, in unserer Kita. In ihrer knapp bemessenen Freizeit lernte sie zusätzlich Englisch. Ende 2020 schloss sie ihr Studium ab und startete mit Beginn des neuen Schuljahres 2021 als Ausbilderin unseres Kurses „Verwaltungswesen-Grund­lagen“ und übernahm die in allen Kursen obligatorische Unterrichtseinheit Unternehmertum. Die Belastungen, Beschwernisse, Ängste und Zweifel ihrer „Zöglinge“, sie kennt sie alle aus eigener Erfahrung - ihre und der Jugendlichen Biografien bis zum Eintritt in GIRASSOL-Pro gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Rafaela hat sehr feine Antennen für die Nöte der Jugendlichen, durchschaut natürlich sofort deren Tricks, um sich vor Unannehmlichkeiten zu drücken und ist ihnen buchstäblich täglich Vorbild. Sie nimmt nachts z.Zt. an einer Uni-Fortbildung im Fach Künstliche Intelligenz teil. Darüber hinaus hat sie sich mittlerweile so gute Englischkenntnisse erworben, dass sie seit Anfang diesen Jahres zusätzlich die Englischunterrichtseinheiten über­nommen hat, die im Lehrplan aller unserer Kurse stehen. Sie arbeitet eng mit ihrem Kollegen Ronaldo zusammen, der in GIRASSOL neben seinen drei offiziellen Rollen auch die Aufgaben des „Digitalbeauftragten“ übernommen hat und seine junge Kollegin sehr fördert und sie als „Me­dienbeauftragte“ gewinnen konnte. Seit Rafaela die brasilianischen GIRASSOL-Accounts bei Facebook, Instagram und WhatsApp betreut, hat sich die Zahl der follower verzehntausendfacht!! Und das ist in unserer neuen Digi-Welt wahrhaftig ein messbarer Erfolg… Rafaelas Geschichte ist ein leuchtendes Beispiel für die Richtigkeit unseres Credos: Bildung ebnet den Weg aus der Perspektivlosigkeit der Herkunft aus einer favela in eine würdigere Zukunft, wendet das Blatt hin zu einem besseren Leben.

Arlete stammt aus sehr einfachen Verhältnissen, durchaus vergleichbar mit denen unserer Kinder und Jugendlichen und ist seit vielen Jahren bei GIRASSOL. Als sie anfing, war sie gerade fertig mit der Ausbildung zur Pflegehilfskraft. Von Beginn an verrichtete sie ihre Arbeit hingebungsvoll und half aus, wo es gerade notwendig war. Ihr Traum war es, diplomierte Krankenschwester zu werden - es fehlten ihr jedoch die finanziellen Mittel. Ein großherziger Spender in São Paulo erfuhr davon und erklärte sich bereit, die Kosten für ihr Universitätsstudium zu übernehmen, vorausgesetzt, dass er anonym bliebe. Arlete begann also nachts zu studieren und erhielt Ende 2019 ihr Diplom in Krankenpflege. Auch GIRASSOL trug zu diesem Erfolg bei, denn wenn Praktika oder Ähnliches anstanden, wurde immer eine Möglichkeit gefunden, diese mit ihrer Anstellung bei uns in Einklang zu bringen. Dieses Geben und Nehmen hat zwischen Arlete und SBA GIRASSOL Kids/Pro ein enges Gefühl der Zusammengehörigkeit entstehen lassen. Diese Frau hat in den zwei zurückliegenden Pandemiejahren sehr massiv dazu beigetragen, die Not in den GIRASSOL-Familien zu lindern, indem sie sich nicht nur virtuell aus sicherer Entfernung einge­setzt hat. Mehrmals hat sie sich deshalb selber mit dem Virus infiziert. Nun, da der Betrieb in der Einrichtung wieder normal läuft, hat sie in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen aus dem PSD-Team ihren Aufgabenbereich klar definiert und weit ausgebaut, viele Gebiete umfassend. Sie ist in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften eine wahre Detektivin geworden, wenn es darum geht, herauszufinden, was einem unserer Schützlinge fehlt.

Hulisses und Rafaela sind ein fünfjähriges Zwillingspärchen und sind die kleinsten und am frü­hesten geborenen Babys, die an der Universitätsklinik von São Paulo je überlebt haben. Diese Tatsache alleine grenzt schon an ein Wunder, aber die Entwicklung der Beiden ist wirklich voller Wunder und ist zu einem großen Teil der aufmerksamen, umfassenden Betreuung durch die Erzieherinnen und den PSD zu verdanken. Hulisses konnte kaum sprechen, als er zu uns kam. Weil er zu lange nur flüssig ernährt worden war, hatte sich sein gesamter Mundraum und Kau­apparat nicht normal entwickelt und hinderte ihn daran, richtig sprechen zu können. Arlete klemmte sich dahinter, dass diese Diagnose überhaupt einmal gestellt wurde, und kämpfte dann so lange verbissen, bis sie im schlecht gemanagten öffentlichen Gesundheitswesen die notwen­digen kostenlosen Behandlungen und Therapien für den kleinen Patienten klar gemacht hatte. Ansonsten war der kleine Junge nicht all‘ zu rückständig in seiner Entwicklung und machte enorme Fortschritte in der Kita. Seine Schwester Rafaela jedoch, bereitete allen Sorgen, denn sie machte ihre Defizite kaum wett. Nach längerer intensiver Beobachtung, glaubte Arlete zu wissen, was der Kleinen fehlte: sie schien nur sehr eingeschränkt sehen zu können. Also ließ die Krankenschwester wieder nicht locker, ehe sie einen Termin bei einem Spezialisten erhielt, be­gleitete Mutter und Kind dorthin und es wurde festgestellt, dass durch die lange Zeit im Brut­kasten, die Augen des Mädchens schweren Schaden genommen hatten. Arlete öffnete die Türen zu den diversen Behandlungen, sorgte beim Optiker für eine kostenlose Brille, die den komplexen Ansprüchen der Kinderaugen gerecht wurde. Seit sie sehen kann und Rafaela sich aus der ver­schreckten Starre über das plötzliche Sehvermögen gelöst hat, macht sie riesige Entwicklungs­schritte. Aber die viereinhalb Jahre in Beinahe-Blindheit haben große Defizit verursacht und de­ren Überwindung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, zumal das kleine Wesen ja auch nicht überfordert werden soll. Die Zwillinge und ihre Mutter werden fortwährend neben der Kran­kenschwester von der Psychologin und der Sozialarbeiterin betreut und begleitet und sind so imstande, mit all‘ den Herausforderungen und Hürden in ihrer besonderen Lage zurecht zu kom­men.

Es könnte hier die Geschichte des kleinen Lorenzo erzählt werden, vom „bösen“ Jungen, der entweder um sich schlug und biss oder sich komplett absonderte und „dicht machte“ und darum aus seiner ersten Kita flog. Seine zutiefst verunsicherte und verzweifelte Mutter wandte sich an GIRASSOL. Bald schon stand fest, dass das Kind an Autismus leidet. So konnten die notwendigen Maßnahmen, Behandlungen, Therapien und geeignete Förderung eingeleitet werden. Parallel wurde die völlig alleingelassene und überforderte Mutter in regelmäßigen Sitzungen mit der Psy­chologin wieder aufgerichtet und unterwiesen im richtigen Umgang mit ihrem Sohn. Nach einem knappen Jahr in GIRASSOL hat der Junge sich zu einem ansprechbaren, interessierten Kind ge­mausert, das seit Neuestem immer öfter mit seinen Altersgenossen kommuniziert und inter­agiert. Die Mutter ist so stabilisiert, dass sie sich traut, wieder arbeiten zu gehen und auch ein wenig um sich selbst zu kümmern.

Oder wir könnten von dem kleinen Mädchen erzählen, das nach einigen Wochen auffälligen, altersuntypischen Verhaltens und augenscheinlichen Unwohlseins durch Arletes Beharrlichkeit endlich einem Arzt vorgestellt wurde, der es prompt zum Urologen überwies, der wiederum eine angeborene Nierenanomalie diagnostizierte. Nach erfolgter Behandlung entwickelt sich die kleine Dame prächtig. Sozialarbeiterin und Psychologin befassen sich mit der Mutter, die sich der Ver­nachlässigung ihrer Tochter durch sie gar nicht bewusst war …

Neben den Einsätzen in akuten Situationen, arbeitet unsere Krankenschwester aber sehr viel präventiv: sie organisiert die wöchentliche ambulante Sprechstunde, die ein mobiles Einsatzteam des öffentlichen Gesundheitswesens in unserer Einrichtung für die Bewohner aus der näheren Umgebung abhält. Im Berufsbildungszentrum ist Arlete mehrmals im Monat präsent, um mit den Jugendlichen über jedwede Gesundheitsthemen zu diskutieren: Hygiene, gesunde Ernährung, Bulimie, extremes Übergewicht, Alkohol- und Drogenmissbrauch und die daraus resultierenden Folgen, Sexualität, Verhütung, Familienplanung, Depressionen, Ängste, häusliche Gewalt, usw. Häufig führen ihre aufklärenden Vorträge überhaupt erstmals dazu, dass die Betroffenen erken­nen, nicht nur Hilfe zu brauchen, sondern diese beim PSD dann auch in Anspruch zu nehmen. Und nicht selten tritt erst dadurch die ganze Tragweite der Probleme in den Familien zutage. Erst wenn auch die Erziehungsberechtigten in den therapeutischen Prozess eingebunden werden, kann die ursprüngliche, auffällige Situation entschärft und stabilisiert werden. Und dann beobachten wir, dass oft eine erfreulich rasche, positive Entwicklung einsetzt. Mit den gleichen Themen und in dem gleichen Ziel wendet Arlete sich regelmäßig ebenfalls an die Angehörigen von Kita-Kindern und Auszubildenden. Und so gelingt es nach und nach, eine andere Einstellung zu grundlegenden Gesundheitsfragen und den elementaren und wirklichen Bedürfnissen von Er­wachsenen, Jugendlichen und Kindern zu bewirken. Und das wiederum führt zu deutlich verbes­serten Lernergebnissen, was - siehe oben! - in Form von Bildung den Weg aus Armut und Per­spektivlosigkeit ebnet …

Unsere in dem nunmehr 30-jährigen Bestehen von GIRASSOL gesammelten Erkenntnisse und Erfahrungen mit dem Vermitteln von Fähigkeiten und Bildung an Menschen aus so benachteilig­ten sozialen Verhältnissen haben sich beständig vergrößert und weiterentwickelt. Wir wissen heute, dass wir die Kinder und Jugendlichen nur nachhaltig fördern und ausbilden können, wenn wir ihr Umfeld konkret mit einbeziehen. Es ist immer nötig und richtig, manchmal extrem müh­sam, immer generiert dieser zusätzliche Aufwand Kosten - A B E R immer gelingt es, die miss­lichen Voraussetzungen zum Besseren zu wenden! Manchmal gibt es bittere Rückschläge zu ver­kraften - A B E R immer häufiger haben wir Geschichten wie die von Rafaela zu erzählen, von Lorenzo oder die von den viel zu früh geborenen Zwillingen.

Es sind unsere Weihnachtsgeschichten, die uns darin bestärken, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Ihnen, die Sie uns durch Ihre Spenden überhaupt erst befähigen, diesen Weg zu gehen, möchten wir diese Geschichten erzählen, damit auch Sie sehen, dass GIRASSOL das Leben der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien wirklich nachhaltig verbessert. GIRASSOL ist nicht nur ein Lichtlein, das im Advent brennt, wir und Sie sind der Komet der Weihnacht! Helfen Sie weiterhin mit, mit diesem hellen Schein den Weg aus der Aussichtslosigkeit auszu­leuchten!

Wir wünschen Ihnen und Ihren Lieben trotz aller Widrigkeiten dieser Zeit Helligkeit und Wärme im tatsächlichen und im übertragenen Sinn für den bevorstehenden Advent, eine gesegnete Weihnacht und Gesundheit und Tatkraft für 2023!

Voll Dankbarkeit grüßen Sie

Andreas Krebs, Vorsitzender                           Dr. Thomas Schmidt, stellvertretender Vorsitzender

P.S.: Seit einiger Zeit sind wir auch auf Wikipedia zu finden, besuchen Sie uns doch einmal hier: https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%B6rderverein_Girassol

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